Schon vor unserer Abfahrt zum Pärchenwochenende nach Paris sagte ich meiner Freundin, dass ich nach unserer Heimkehr nachts noch angeln fahren würde. Das Thema war also geklärt und ich konnte mir in Ruhe einen Plan machen.
Die Zeit zu zweit, ganz ohne Angeln und Füttern, war schön und ich genoss das kurze Abschalten sehr. Doch natürlich konnte ich meine Augen nicht von den spannenden Gewässern in der Stadt der Liebe lassen. Und so gelang es mir sogar, in total romantischer Atmosphäre, mit Blick auf den Eiffelturm, einen Fisch in der Seine zu erspähen.
Doch zurück zum Thema… Sonntagabend um 19 Uhr machte ich mich auf den Weg zu meinem Hausgewässer…
Der Platz stand seit Längerem unter Futter und ich hatte vollstes Vertrauen. Die Fische dürften noch nicht komplett durch mit dem Laichgeschäft gewesen sein, mussten richtig Bock haben – und ich war fest überzeugt, zu fangen.

Also fischte ich einen Snowman aus Chicken Inferno ETS Hooker und einem gelben Pop-Up am Multi-Kombi-Rig. Dazu zwei Kellen Offshore-Boilies, verfeinert mit ein paar Infernos drumherum. Das Beifutter hatte ich schon Tage vorher in Lachsöl und Inferno Liquid getränkt. Jeder Boilie gab ein Maximum an Attraktivität ab – unglaublich.
Mit dem RT7 fuhr ich alles präzise auf das kleine Plateau in zwölf Metern Tiefe. Mittlerweile hatte ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wann ich die Montage abbremsen muss, um sie leicht aus der Futtersäule zu lösen und davor zu platzieren statt mittendrin. So umgehe ich Schnurschwimmer und Fische, die beim Fressen durch Schlagschnur und Leader gestört werden.

Gegen zwei Uhr war es dann so weit. Die Rute lief ab.
Schlaftrunken kam ich ans Wasser, der R4 schrie mir entgegen und die 10ft Scope wurde krummgerissen. Mein Gegner zog Meter für Meter Schnur von der Rolle und ich musste ihn erst einmal laufen lassen. Nach einiger Zeit gelang es mir, den Fisch zu drehen und langsam auf mich zuzumanövrieren. Ein knallharter Kämpfer, der immer wieder brutale Fluchten hinlegte.
Ein paar Minuten später war der Drill vorbei und der Fisch lag vor mir im Kescher. Ich rieb mir die Augen und zweifelte kurz an meiner Einschätzung. Ein enorm langer und breiter Fisch – aber völlig ohne Bauch. Beim genaueren Hinsehen war ich mir sicher: Der hatte es schon hinter sich. Der Fisch hatte bereits abgelaicht.
Ohne dass es einer der Angler am See bemerkt hatte, musste es passiert sein. Zumindest ein Teil des Bestandes war bereits durchs Laichgeschäft gegangen.
In meinem Kopf zerplatzte kurz der Traum, einen der absoluten Topfische noch prall und mit Höchstgewicht zu fangen.
Ich entschied mich trotzdem dazu, den Fisch – der auch jenseits der 20-Kilo-Marke gewesen sein dürfte – schwimmen zu lassen und die Rute direkt neu ins Rennen zu bringen.
Gesagt, getan.
Zehn Minuten später lag ich wieder im Bus und grübelte darüber nach, wie die Fische das unbemerkt durchgezogen hatten. Gerade als ich einschlief, zerriss erneut der Ruf der Funkbox die Ruhe.
Wieder Vollrun. Wieder „mein“ Plateau.
Wahnsinn.
Ich war mir fast sicher, dass diesmal nur ein halbstarker Fisch dran sein könnte. Doch auch dieser hier zog ordentlich Druck aufs Band und stand brutal gut im Wasser. Nach einem harten Drill, bei dem der Fisch immer wieder versuchte, ins Holz zu flüchten, führte ich ihn schließlich im Schein der Kopflampe über den Rand des Keschers.
Ein bulliger Spiegler.

Ein toller Fisch, den ich bereits im frühen Frühjahr gefangen hatte. Dunkelbraun gefärbt, mit Perlschuppen im hinteren Drittel und ebenfalls um die 20 Kilo schwer. Ein wunderschönes Tier.
Und dann sah ich sie auch bei ihm – diese tiefen Kratzer auf der Flanke.
Ich drehte den Fisch im Kescher leicht auf die Seite. Sein vor wenigen Wochen noch praller Bauch wirkte schlaff. Leer. Ausgelaicht.

„Oh ha“, dachte ich mir.
Und ich hoffte inständig, dass wirklich nur ein kleiner Teil des Bestandes das besonders warme Wochenende genutzt hatte – und nicht alle. Ich fühlte einfach, dass ich noch nicht fertig war mit diesem Frühjahr. Dass ich noch einen der ganz Großen brauchte, um dieses Durchatmen und entspannte Zurücklehnen endlich zu erreichen.
Ich versorgte den Fisch und fuhr die Falle erneut auf den Futterplatz. Wieder ein perfekter Drop. Wieder vollstes Vertrauen in Material, Montage und Futter.
Schnell zurück ins warme Nest.
Gedanken kreisend schlief ich ein.
Im ersten Licht wurde ich erneut aus dem Schlaf gerissen. Die grüne LED des Receivers strahlte ins Innere des Busses und ich stürmte los. Der Fisch entfernte sich schnell vom Futterplatz auf dem kleinen Plateau und schwamm wieder Richtung versunkenes Holz.
Ich hielt dagegen.
Die 3,5lbs 10ft Scope bog sich bis zum Anschlag und ich schaffte es, dem Fisch sein Vorhaben zu durchkreuzen.
Im Licht der Kopflampe durchstieß plötzlich ein großer Kopf die Wasseroberfläche. Ich wurde nervös.
Ich spürte den Schlagschnurknoten durch die Ringe laufen, während der Fisch immer näher kam. Als der Schuppenkarpfen nur noch wenige Meter vor mir war, ließ ich den Kescher nach vorne ins Wasser fallen.
Fehler.
Der Fisch explodierte förmlich.
Zum Glück habe ich mir angewöhnt, kurz vorm Ufer die Bremse immer etwas zu lockern. So konnte er einfach wieder davonrauschen, ohne auszusteigen.
Als ich ihn erneut näher herangepumpt hatte, schaltete ich sogar die Kopflampe aus, um ihn nicht noch einmal zu erschrecken.
Der Plan ging auf.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume glitzerten, ließ ich diesen langen, massiven Fisch schließlich in die Maschen des Keschers gleiten.
„Yes!“
Es platzte einfach aus mir heraus.
Ich war erleichtert.

Schon beim ersten Blick war ich mir sicher: Das ist ein richtig guter Fisch. Makellos, lang, schuppig und mit prallem Bauch. Kein Anzeichen davon, bereits am Laichgeschäft beteiligt gewesen zu sein.
Die Waage bestätigte meinen Eindruck und pendelte sich bei deutlich über 22 Kilo ein.

Ich versorgte den Fisch und kochte mir einen Kaffee.
Nun saß ich da auf meinem Boilie-Eimer und starrte aufs Wasser. Drei absolut starke Fische in einer Nacht – und trotzdem diese Ungewissheit, welcher Teil des Bestandes bereits abgelaicht hatte und welcher noch voll im Saft stand.
So oder so:
Die Jagd geht noch ein paar Wochen weiter, bevor ich mich gemeinsam mit einem Freund einer neuen Aufgabe widmen möchte.
Das Suchen nach neuen, mir völlig unbekannten Fischen. Und der Herausforderung, uns ein komplett neues Gewässer selbst zu erarbeiten.